Der wirtschaftliche Aufschwung Neheims im 19. und 20. Jahrhundert
bewirkte auch eine Steigerung der kulturellen Bedürfnisse.
Dies zeigt sich besonders in der Entwicklung der kirchlichen
Verhältnisse, des Schul- und Bildungswesens sowie des gesamten
Vereins- und Geisteslebens der Stadt.
Die zu Beginn des vorigen Jahrhunderts allgemein einsetzende
Entwicklung des Volksschulwesens zeigte sich in Neheim darin,
daß die von dem verdienstvollen Lehrer Alexander Weber
geleitete ,,Industrieschule" (durch Preußen 1816 aufgehoben)
zu den blühendsten des kurkölnischen Sauerlandes
zählte. 1820 erfolgte die Trennung der bis dahin einklassigen
Schule in eine Knaben- und Mädchenklasse. 1861 wurden die
katholischen Lehrpersonen dadurch entlastet, daß die
evangelischen Schulkinder in einer eigenen Klasse
zusammengefaßt und von einem evangelischen Lehrer
unterrichtet wurden. Das nach dem Brande von 1807 in der Nähe
der Kirche errichtete, vor zehn Jahren niedergelegte
Schulgebäude reichte schon seit 1875, als 961 Schulkinder
vorhanden waren, längst nicht mehr aus. Deshalb wurde bis zum
Bau der Schule an der Friedenstraße (1878) der Rathaussaal zu
Unterrichtszwecken mitbenutzt. 1892 erfolgte der Bau der Johannes-
und Engelbertschule. Der Nordflügel der letzteren erstand
1898. Die evangelische Schule an der Burgstraße wurde 1888
erbaut. Infolge der großen Schülerzahl erwies sich 1897
eine Trennung der katholischen Schulklassen in zwei Systeme
für notwendig: in das Kirch- und Ringsystem.
Ostern 1902 bezogen sechs Mädchenklassen des Kirchsystems die
neuerbaute Agnesschule an der Hauptstraße (jetzt
Karl-Wagenfeld-Schule, Mendener Straße). Als Ostern 1905 die
Marienschule an der Mittelstraße (Ringsystem) ihrer
Bestimmung übergeben werden konnte, räumte man das
Gebäude an der Friedenstraße für andere Zwecke ein:
die kaufmännische und gewerbliche Berufsschule, die
städtische Handelsschule und das evangelische Lyzeum haben in
ihm zeitweise ihr Heim gefunden. 1928 unterrichteten an den zwei
katholischen Schulsystemen dreißig, an der evangelischen
Schule drei Lehrkräfte.
Die erste Anregung, eine höhere Knabenschule zu errichten,
ging von dem Pfarrer Münstermann und dem Bürgermeister
Dinslage aus. Sie fanden anfangs mancherlei Schwierigkeiten. Da der
damalige Pfarrer Münstermann in der Person des Rektors
zugleich eine Aushilfe in der Seelsorge wünschte, schickte die
bischöfliche Behörde den Curatpriester Glae''n, der bis
dahin Hilfslehrer am Progymnasium zu Rietberg gewesen war, nach
Neheim. Als dieser von der Regierung nicht bestätigt wurde,
gründete der Stadtvorstand 1852 eine städtische
höhere Knabenschule; Rektor Glae''n wurde ihr erster Leiter
und blieb es bis 1861. Durch Statut vom Jahre 1858 war festgelegt
und von der Königlichen Regierung genehmigt worden, daß
der Rektor der Schule ein katholischer Geistlicher sein
müsse.
Die Unterrichtsräume der Rektoratschule, die 1890 drei Klassen
umfaßte, waren in den ersten vier Jahrzehnten bald hier, bald
dort, so z. B. im alten Rathause, bei Herbolten am Neumarkt, in der
alten Schule an der Kirche und sogar in einem Fabrikgebäude an
der Schobbostraße. Erst den Bemühungen des Rektors Wurm
gelang es 1889, den Bau eines eigenen Schulgebäudes, des
heutigen alten Lyzeums, durchzusetzen.
Die geistlichen Rektoren waren damals, nach der sog.
Kulturkampfzeit, sehr selten, und man hielt es 1894, als ein neuer
Leiter gewählt werden mußte, für nötig,
diesen, den Rektor Franz Busch, zu verpflichten, sich auf eine
lange Tätigkeit in Neheim einzurichten. Über
dreißig Jahre hindurch hat er auch ausgehalten, siebzehn
Jahre als Leiter der Rektoratschule und, nach deren Ausbau zum
Realgymnasium, dreizehn Jahre als Religionslehrer an dieser
Anstalt. 1924 wurde er auf Grund der staatlichen Abbaubestimmungen
in den Ruhestand versetzt.
Nach langwierigen Verhandlungen, die bis 1909 zurückreichen,
gelang es schließlich den Bemühungen des
Bürgermeisters Dicke, ab 1. April 1911 den Ausbau zum
Realprogymnasium zu verwirklichen. Erster Direktor wurde Dr.
Begiebing. Die Anstalt entwickelte sich so günstig, daß
der Minister für geistliche und Unterrichtsangelegenheiten am
17. August 1912 die Genehmigung erteilte, von Ostern 1914 ab das
Realprogymnasium zu einem Realgymnasium auszubauen. Die 1879
erfolgte Gründung einer paritätischen höheren
Töchterschule führte 1894 zur Trennung in eine
katholische und eine evangelische Töchterschule. Jene
mußte 1905 wegen zu schwachen Besuches ihre Pforten
schließen und öffnete sie erst wieder nach dem ersten
Weltkrieg, und es entstand vor 30 Jahren das heutige schmucke
Gebäude. Die nach dem ersten Weltkrieg ins Leben gerufene
Volkshochschule war nur von kurzer Dauer. Nach dem zweiten
Weltkrieg erblühte sie aber unter der Leitung von Dr. K. M.
Krug zu einem bestimmenden kulturellen Faktor unserer Stadt.
Seit April des Jahres 1928 besitzt Neheim auch eine Handelsschule.
Die Ausbildung des kaufmännischen Nachwuchses ist ihr Ziel.
Eine Haushaltungsschule, die den jungen Mädchen aller
Volkskreise hauswirtschaftliche Kenntnisse vermitteln will, besteht
seit 1927.
Von mehr oder weniger großer Bedeutung für das
kulturelle Streben der Stadt sind auch die zahlreichen
gesellschaftlichen, sport - und wirtschaftlichen Vereine. Von den
gesellschaftlichen mögen in erster Linie die genannt werden,
die sich die Pflege des deutschen Volks- und Kunstgesanges zur
Aufgabe gemacht haben. Die ältesten sind die
Männergesangvereine ,,Westfalia" (gegründet 1373),
,,Cäcilia" (1875) und ,,Eintracht" (1877). Zu den
Gründern der ,,Westfalia", deren erster Leiter Lehrer Josef
Hockelmann war, zählt der Fabrikant Hermann Lamberty, der
Gründer und erste Vorsitzende des Sauerländischen
Sängerbundes. Erster Dirigent der ,,Cäcilia", die sich
als besonderes Ziel die Förderung des kirchlichen Gesanges,
dann auch des mehrstimmigen Kunstgesanges gesetzt hatte, war Lehrer
Bußmann. Der Männergesangverein ,,Eintracht" erhielt
seinen ersten Dirigenten in dem Hauptlehrer Heinrich Hoffmann. 1951
wurde er unter Anton Heilmann zu einem gemischten Chor, der seitdem
regelmäßig Oratorien aufführt. Die drei genannten
Vereine sind dem Deutschen Sängerbund angeschlossen. Auch die
nach 1900 gegründeten Männergesangvereine ,,Liederfreund"
(1902), ,,Harmonie" (1913) und der Gesangverein ,,Frohsinn" (1923)
gehören diesem an und sind, wie die erstgenannten, treue
Hüter des deutschen Volksliedes.
Neben diesen weltlichen Gesangvereinen bestehen noch zwei
kirchliche, der katholische und der evangelische Kirchenchor.
Verherrlichung des Gottesdienstes und Erbauung der Gläubigen
durch geistliche Gesänge ist das Hauptziel beider. —
Seit genau sechzig Jahren pflegt die ,,Kapelle Pröpper" (gegr.
1898) bzw. ,,Stadtkapelle Neheim-Hüsten" die Orchestermusik
und begleitet frohe und ernste Begebenheiten durch Volks-, Tanz-
und Konzertmusik.
Ende des vorigen Jahrhunderts hat das musikalische Leben Neheims
einen neuen Impuls erhalten durch die Gründung des
,,Musikvereins Neheim". Den Anlaß hierzu gab das im Jahre
1896 durch den Männergesangverein ,,Westfalia" unter Leitung
des Musikdirektors Aßhauer mit großem Erfolg
aufgeführte Passions-Oratorium. Zwei Jahre später trat
der Musikverein, der sich die Aufführung größerer
Chorwerke zum Ziel gesetzt hatte, zum ersten Male an die
Öffentlichkeit. Er gab durch seine Aufführungen, wie z.
B. ,,Die Jahreszeiten" von Haydn, ,,Elias" und ,,Paulus" von
Mendelssohn und ,,Christus am ,,Ölberg" von Beethoven, zu
denen eine Militärkapelle das Orchester stellte, dem
musikalischen Leben Neheims ein vollständig neues
Gepräge. Seine weitere Entwicklung und Bedeutung wird an
anderer Stelle dargelegt.
Am kulturellen Aufschwung unserer Heimatstadt sind auch diejenigen
Vereine stark beteiligt, die Leibesübungen treiben. Die
Geschichte der Leibesübungen beginnt in Neheim mit der
Gründung des Turnvereins Neheim im Jahr 1884. War er lange
Zeit der einzige Verein, der Leibesübungen betrieb, so folgte
bald der Katholische Gesellenverein, der 1903 eine Turnabteilung
ins Leben rief. 1908 erfolgte dann die Gründung des
Fußballklubs 08 Neheim, des ersten Vereins, der nur
Fußballsport betrieb (28. Oktober 1908). 1919 stieg er zur
A-Klasse auf, 1920 zur Liga und 1922 zur Gau-Liga. Ein Auf und Ab
wie in allen Vereinen folgte.
Die Pflege des Wanderns wurde hauptsächlich durch den SGV
(Sauerl. Gebirgsverein) eingeführt, der auch zu mancher
Verschönerung unserer nahen Waldungen durch Anlegen herrlicher
Wege und Sitzgelegenheiten beitrug.
1922 wurde der Angelsport in Neheim aufgenommen. Der
,,Angler-Verband Sauerland", Sitz Neheim, hat es sich zur Pflicht
gemacht, den vorschriftsmäßigen Angelsport unter dem
Schutze des Deutschen Anglerbundes zu betreiben und unsere
heimischen Gewässer mit ihrem sonst so reichen Fischbestand
vor weiteren Ausplünderungen zu schützen. Namentlich
diente ihm außer der Talsperre die alte Ruhr als Fischstand,
in die der Verein mehrere tausend Edelfische ausgesetzt hat.
Besondere Beachtung verdient auch der Kegelsport. Wurde er
früher nur als gesellschaftliche Betätigung
aufgefaßt, so stellt er heute doch durch seinen Keglerverband
eine gute sportliche Betätigung vor. — Wirtschaftlichen
und gewerblichen Zwecken dienten Vereine, deren Mitglieder sich
zusammengeschlossen haben, um gemeinsame wirtschaftliche Interessen
zu wahren, wie z. B. der Konsumverein und die verschiedenen
Berufsvereine und -innungen. Ferner sind u. a. zu erwähnen der
Obst- und Gartenbau-Verein, der Brieftaubenverein und verschiedene
andere Tierzuchtvereine.
Neben dem schon vor dem ersten Weltkrieg bestehenden
Landwehr-Kriegerverein bildeten sich später ein Dutzend andere
Kriegerkameradschaften, die nach dem zweiten Weltkrieg sich auf
lösten, aber zum Teil als Hilfsgemeinschaften im
,,Kyffhäuser-Bund" wiedererstanden. Als größte
Verbände dieser Art gelten heute die Ortsgruppe des
Zentralverbandes der Kriegsbeschädigten, der Heimkehrer und
der Kriegsgräberfürsorge. Der wissenschaftlichen
Weiterbildung diente der ,,Verein für Kunst und Wissenschaft",
der besonders in den Wintermonaten gut ausgewählte
populärwissenschaftliche Vorträge veranstaltete. Dem
gleichen Ziele dienen auch viele der bestehenden
Berufsvereinigungen, wie z. B. der KKV (Katholischer
kaufmännischer Verein) und die vortrefflichen Schulungsabende
der Kolpingfamilie. Ferner müssen hier genannt werden der
Stenographenverein Gabelsberger und der Schach-Club Neheim. Den
besonderen Aufgaben der Heimatpflege dient der 1923 ins Leben
gerufene ,,Heimatbund Neheim". In ihm sind alle
heimatpflegetreibenden Nachbarschaftsvereinigungen wie ,,
Strohdorf-Club", ,, Sonnendorf-Club", ,,Ohlhasen", ,,
Siedlergemeinschaft-Bergheim", ,,Ruhr-Möhne-Eck", ,,
Möhnering" und ,, Erlenbruch" zusammengeschlossen. Die vier
zuerst genannten können bereits auf eine mehr als 2
jährige erfolgreiche Tätigkeit zurückblicken.
Ursprünglich teils als Not- und Hilfsgemeinschaften, teils als
gesellige Vereinigungen gegründet, betätigen sie sich
heute gern und freudig im Dienste echter Heimatpflege, indem sie
die Erhaltung echten Brauchtums fördern und bei der
Lösung zeitgemäßer Aufgaben helfen. Durch ihre rege
Mitarbeit bei der Gestaltung des Schnadeganges und des Osterfeuers
(Strohdorf-Club), des Martinszuges (Sonnendorf-Club), der Schaffung
eines Kinderspielplatzes (Ruhr-Möhne-Eck) und eines
Siedlerheimes mit Jugendfreizeitheim (Bergheim) leisten sie
wertvolle Heimat- und Kulturarbeit. Der SGV (Sauerl.
Gebirgsverein), der sich zwar in erster Linie dem Wandern, aber
auch der Brauchtumspflege widmet, arbeitet mit dem ,,Heimatbund"
einträchtig Hand in Hand. Unter den Gesichtspunkt
gemeinnütziger Vereine lassen sich schließlich noch
Gesellschaften und Vereinigungen zusammenfassen, die unter keine
der bisher genannten Bestrebungen unterzuordnen sind. Dahin
gehören u. a. die kirchlichen Bruderschaften und
Standesvereine, der Caritas- und Elisabeth-Verein und mancher
andere Verein, der in der Öffentlichkeit weniger
hervortritt.
Noch gibt es eine Reihe anderer Vereinigungen, aber diese
Aufzählung möge genügen und zeigen, wie mannigfach
das Vereins- und Geistesleben in Neheim blüht. Jedoch soll
nicht verkannt werden, daß solche Zersplitterungen der vielen
kleinen und kleinsten Vereine dem allgemeinen Ganzen großen
Abbruch tut, und das in einer Zeit, wo so vieles zum
Zusammenschluß drängt.
An dieser Stelle muß des Wirkens der beiden langjährigen
Bürgermeister von Neheim, Dinslage und Brüning gedacht
werden. Karl Josef Dinslage wurde am 19. April 1818 zu Geseke
geboren. Am 2. Februar 1847 zunächst auf zwölf Jahre
gewählt und am 16. Juli 1847 eingeführt, wurde er nach
Ablauf seiner Amtsperiode jedesmal einstimmig wiedergewählt,
so 1859 und 1871. In diesem Jahre erfolgte seine Anstellung auf
Lebenszeit. Um die Erforschung der Geschichte Neheims erwarb er
sich besondere Verdienste. Er war der erste, der die
überkommenen Nachrichten kurz zusammenfaßte und 1858 im
,,Central-Volksblatt" veröffentlichte. Eine zweite Arbeit,
eine Erweiterung der ersten, erschien 1885 in der
,,Neheim-Hüstener Zeitung". Leider konnte er sie nicht
vollenden. Schwere Krankheit fesselte ihn ans Bett und führte
am 17. Juni 1886 seinen Tod herbei. Dinslage galt als
äußerst fleißiger und gewissenhafter Mann, der das
uneingeschränkte Vertrauen der gesamten Bürgerschaft
besaß. Ihm zur Ehrung nannten die Stadtverordneten eine
neuangelegte Straße ,, Karlstraße".
Ihm folgte 1886 der Bürgermeister Heinrich Brüning,
vorher Supernumerar bei der Regierung in Arnsberg und staatlicher
Hilfsarbeiter beim Landratsamt in Gelsenkirchen. Er war geboren am
17. Januar 1860 auf dem Rittergute Schwarzmühlen bei
Gelsenkirchen. Ihm lag besonders die Förderung des Volks- und
Fortbildungsschulwesens, der Ausbau der Straßen und die
Verschönerung der öffentlichen und privaten Gebäude
am Herzen. Während seiner Amtszeit entstanden fast alle heute
vorhandenen öffentlichen Gebäude. Auch ihn berief nach
Ablauf der ersten zwölfjährigen Amtsperiode (1898) das
Vertrauen seiner Mitbürger nochmals an die Spitze der Stadt.
Er starb am 24. August 1907 zu Neheim.
Der wirtschaftliche und kulturelle Aufschwung Neheims hatte eine
Vergrößerung und Veränderung des äußeren
Stadtbildes zur Folge. In verhältnismäßig kurzer
Zeit entstanden neue Straßen, öffentliche und private
Gebäude und soziale Einrichtungen verschiedener Art. Die
Eröffnung der Ruhrtalbahn (1870) und der Ruhr-Lippe-Kleinbahn
(1899/1900) war von großer Bedeutung für die Entwicklung
des Verkehrswesens. Die Personenpost, durch die Neheim mit
Arnsberg, Werl und Menden verbunden war (am Schlünder bestand
eine Hauptwechselstation, wo bis zu sechzig Pferde bereitstanden),
ging nach und nach ein. Die letzte Personenpost zwischen der Stadt
und dem Bahnhof verschwand 1899 und mit ihr ein Stück Romantik
aus alter Zeit. Am 31. Oktober 1927, als die letzte
Pferde-Paketpost zum Bahnhof fuhr, erklangen zum letzten Mal die
Abschiedsgrüße des Postillions in den Straßen
Neheims. Das moderne Verkehrsmittel, das Auto, hatte das Erbe
angetreten und auch, wie früher die Postkutsche, die
Personenbeförderung übernommen. — Der Bau des
Neheimer Postgebäudes erfolgte 1889.
Das Aufblühen des wirtschaftlichen Lebens hatte die Anlage
weiterer öffentlicher Gebäude und Einrichtungen zur
Folge. So erhielt die Stadt Neheim 1889 eine Wasserleitung
(Pumpstation am Kuckert); das Wasserwerk am Neheimer Kopf wurde
1909 gebaut. Das erste Elektrizitätswerk, das die Stadt mit
elektrischem Licht versorgte, erstand 1896/97; der städtische
Schlachthof 1898. Das Amtsgericht wurde in den Jahren 1894/95
gebaut, das neue Rathaus 1902. Zu den sozialen Einrichtungen der
Neuzeit muß außer dem 1863 errichteten
Johanneshospital, die sonnig gelegene städtische Liegehalle
für gesundheitlich schwache Kinder erwähnt werden. Das
Sankt-Johannes-Hospital wurde nach den Kriegen renoviert und dank
der hochherzigen Spende der Tochter des bekannten
deutsch-amerikanischen Wohltäters Henry Heide durch Anlage
eines großen, modern eingerichteten Operationssaales weiter
ausgebaut. — Vor einigen Jahren entstand ein großer
Neubau neben dem alten. Zur Zeit wird der Mittelbau erneuert,
wesentlich vergrößert und modernisiert. — Die
Kanalisation der Hauptstraßen, von denen einige bereits 1903
eine solche erhielten, wurde Ende 1927 begonnen. Im März 1928
erfolgte die Übernahme der Kläranlage auf dem
Möhnert (Möhnewerth).
Der im Jahre 1926 eröffnete große städtische
Schwimm- und Luftpark Schwiedinghausen, der für die
Entwicklung des schwimmsportlichen Lebens in Neheim von
großer Bedeutung geworden ist, bedarf besonderer
Erwähnung. Es war eine kulturelle Tat, die sumpfige Niederung
am Unterlauf des Schwiedinghauser Baches in eine
gesundheitsfördernde Anlage umzuwandeln. Gelegentlich der
Einweihung am 19. 6. sagte der Arnsberger Regierungspräsident
König: ,,Hier ist in ide-aler Weise alles vereinigt, was der
Mensch zur Gesundheit braucht und wonach der Großstädter
lechzt: Licht, Luft und Wasser! Dies herrliche Fleckchen Heimaterde
liegt allen Bewohnern Neheims leicht erreichbar, und hoffentlich
werden spätere Generationen es zu würdigen wissen, was
die Stadt Neheim Bedeutsames mit dieser Anlage geschaffen hat." Der
Schwimm- und Luftpark umfaßt eine eingefriedigte Fläche
von 14 Morgen. Davon entfallen auf den Turn- und Spielplatz 21.1
Morgen und fast ebensoviel auf das Sonnenbad. Das Schwimmbecken hat
eine Größe von 50X60 m, das Planschbecken von 70X30 m.
Die vier Vorwärmer bzw. Wassersammler fassen eine Wassermenge
von 35 500 cbm. Ein fünf Morgen großer Stausee in
herrlichem Waldtal, in den ,,Schwiedinghauser Erlen", ist im
Entstehen. In unmittelbarer Nähe des Freibades wurde der Bau
eines großen, stadionartigen Sportplatzes in Angriff
genommen. Zwischen diesem und dem Freibad, im Schatten des
prächtigen Tannenwaldes, haben Spielplätze des
Tennisklubs eine ideale Stätte gefunden. Freunden des
Wintersports bietet die Rodelbahn am Basenberg und Schwiedinghauser
Feld Gelegenheit zum Rodel- und Skilauf, allerdings nur in
schneereichen Wintern. Am Auslauf der Bahn lugt unter den
schützenden Zweigen vielhundertjähriger Eichen das
Waldhaus ,,Zu den drei Bänken" hervor. Hier findet der
Wanderer im Sommer wie im Winter gastliche Aufnahme und Erholung.
Der angrenzende Stadtwald mit den prächtigen Nadel- und
Laubholzbeständen bietet Gelegenheit zu ausgedehnten
Waldwanderungen. So vereinigt dies schöne Fleckchen Heimaterde
die verschiedensten gesundheitsfördernden Anlagen.
Ein malerisches Bild erfreut das Auge des Wanderers, der vom
Waldhause aus seinen Blick ins bergumsäumte Tal schweifen
läßt. Dem Silberband der Ruhr nach Süden folgend,
gleitet sein Auge über das gewerbereiche Hüsten und
Bruchhausen zu Arnsbergs Schloßberg, nach Norden zum
sagenumwobenen Fürstenberg. Gegenüber grüßt
das anmutige Möhnetal, und aus dunklen Tannen lugt hell und
freundlich die Kapelle auf dem Wiedenberge. Und unten, inmitten
grüner Wiesen und brauner, fruchttragender Acker, umrahmt vom
Kranze waldbedeckter Höhen, liegt die aufstrebende Stadt. Wie
der Rückblick in ihre wechselvolle Vergangenheit zeigt, war
sie Jahrhunderte hindurch klein und eng geblieben; aber kraftvoll
und stark wuchs sie, als ihr im vorigen Jahrhundert die Industrie
die Pforten öffnete zu Wirtschaft und Handel. Vergessen ist
die Zeit, da man Neheim nach dem großen Stadtbrande von 1807,
als seine Einwohner mit landesherrlicher Genehmigung Kleidung und
Lebensmittel in den umliegenden Ortschaften sammeln durften,
,,Biäddel-Neime" nannte.
Quelle : Bernhard Bahnschulte
im Buch 600 Jahre Bürgerfreiheit Neheim - Hüsten
erschienen im Selbstverlag der Stadt Neheim - Hüsten 1958
noch zu beziehen durch Heimatbund Neheim - Hüsten e.V.
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